Alles im Kreis

In manchen Augenblicken kommt mir das Leben vor, wie das einer sich ständig drehenden Langspielplatte. Wieder beim Winter angekommen, da waren wir doch erst!
Vor kurzem erst war ich hier und habe mich auf den bevorstehenden Tod und auf das Sterben meiner Mama vorbereitet. Ich musste ja.

Es ist als wäre es gestern gewesen. Nur die Anspannung und das Funktionieren und die vielen vielen Tränen sind weniger geworden.

Dieses Jahr war sehr hart für mich. Zu viele Herausforderungen. Viele Abschiede und Veränderungen. Viel Wachstum.

Ich blicke auf das sich nähernde Weihnachtsfest und wünschte mir, eine Fee würde kommen und uns an einen warmen Ort zaubern. Das wäre wirklich so wunderbar.

Weihnachten ohne Dich. Einsam und traurig. Auf der andren Seite kein Ärger, kein Stress, keine Wut. Ach Mama. Es wäre anders gewesen, wenn es anders gewesen wäre.

Du begleitest mich, jeden Tag und ich denke an Dich, jeden Tag.

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Nicht greifbar

Gerne würde ich Anteil nehmen. Zusammen mit meinem Papa auf die Beerdigung gehen. Doch Stille. Keine Karte, keine Worte. Das ist in Ordnung. Das ist zu aktzeptieren. Bei all dem Schock.

Doch ich würde gerne zeigen, dass wir in Gedanken, im Hintergrund da sind. Auch mit praktischer Hilfe, so weit es geht, was die Firma angeht.

Doch nichts. Es wird wohl keine Traueranzeige geben und auch sonst nichts. Ich habe gestern auf dem zuständigen Friedhofsamt des Wohnsitzes der beiden angerufen.

Ich wollte es einfach für mich/uns wissen. Doch wie zu erwarten. Der Dame tat es leid, die Beisetzung findet im engsten Kreis statt und sie darf keine Auskünfte geben.

Ja, das ist in Ordnung, denn wir wissen ja kaum etwas. Nur Vermutungen.
Wie groß muss der Schmerz sein?

Ich habe eine Karte gekauft. Es gibt tatsächlich nur wenig richtig schöne in meinen Augen. Überall Beileidbekundungen und Gedichte. Oft unpassend. Nein das wollte ich nicht. Letztlich habe ich eine neutrale Karte gefunden, die ich/wir mit unseren Gedanken  und in Gedenken befüllen können.

Den Spruch, den ich wahrscheinlich schreiben werde:
Erst am Ende unseres Weges stehen die Antworten.  – Laotse –

Morgen werde ich nach Hause fahren und somit auch an den Ort des Geschehens.
Gerne würde ich eine Kerze und ein paar Blumen aufstellen. Ich weiss noch nicht, ob er das wollen würde. Mal sehen, ob ich einen Platz finde, den man so schnell nicht sieht.

Ich habe ein ganz gutes Buch zum Thema Verlust durch Suizid gelesen, vor einigen Monaten. Ausserdem finde ich viel tröstliche Gedanken von Roland Kachler in diesem Buch.

 

Dieser Tod – ein Tod der uns alle angeht

Das Leben aller Menschen, denen wir begegnen und die wir kennen,
ist in unser eigenes Schicksal verwoben.
– Thomas Merton –

Dieser neue Tod, der Weggang dieser Person beschäftigt mich. Treibt mich um. Er erschüttert mich in Mark und Bein. Ich kann es nicht glauben.
Ich leide mit. Mit ihr. Mit ihm. Mit uns.

Nicht nur, dass er in meiner Nähe stattfand (in 20 m Entfernung),
er hat etwas mit mir zu tun. Mit Dingen die ich erfahren habe, obwohl ich noch gar nicht geboren war.

Suizid, auch ein Familienthema von mir. Ich war noch nicht geboren, da nahm sich meine Oma das Leben. Die Mama meiner Mama. Meine Mama fand sie in der Küche.
Sie hatte sich das Leben mit Gas genommen.

Meine Mama war jung und war mit Ihrem Freund (meinem Papa) in einem Möbelhaus. Einrichten für die gemeinsame Wohnung. Die Hochzeit stand an.

Mein Onkel und seine baldige Ehefrau waren kurz davor, die frohe Botschaft ihrer Schwangerschaft zu verkünden.

Und da starb meine Oma.

Eine Frau, die ich nie kennenlernen durfte. Ich habe erst in den letzten Jahren ein paar Details, kleine Fetzen von ihr erfahren. Eigentlich erst nach dem Tod meiner Mama.

Zeitlebens meiner Mama habe ich versucht mit ihr über dieses schlimme Ereignis zu sprechen. Es sollte nicht klappen. Die Gefühle waren abgekapselt.

Doch wie es so ist, kommen die ungelebten Gefühle, Trauer und Wut an anderer Stelle zum Vorschein. Und somit wurde mir vor ein paar Jahren klar, dass ich all diese ungelebten Gefühle ausleben muss.

Eine Rolle, die ich mir nicht ausgesucht habe. Etwas was ich nicht wollte.
Die vielen Tränen die ich weinte, Einsamkeits- und Verzweiflungsgefühle waren immer auch die Tränen und Gefühle meiner Mutter und ihrer Mutter.

Wie lange habe ich erhofft, erbeten, gewünscht und manchmal auch gedrängt, dass sich meine Mama Hilfe sucht. Doch nichts, nichts tat sich. Denn Hilfe annhemen wäre ein Schwächeeingeständnis und dann würde ja etwas ins Rollen kommen. Die Alkoholkrankheit würde aufgedeckt werden. Nein, das wollte sie nicht.

Und so lebe ich heute mit den Traumen, die ich nicht wollte. Die nichts mit mir zu tun haben und doch zu mir gehören.

Suizid geht uns alle an.

Gefangen in diesem Leben II

Was hier eigentlich los ist? Neben dem Tod meiner Mama, dem meines Onkels und weiteren ganz beschissenen Dingen, die ich jetzt nicht erwähnen möchte, passierte dazu etwas unglaublich Schlimmes, on top. Supergau. ein weiterer sinnloser Tod, Weggang einer Person räumlich in unserer Nähe.

Sie hat beschlossen von So auf Mo ihrem Leben ein Ende zu setzen. Und das direkt neben uns. Unter uns.

Eine warmherzige, wunderbare Person. Wir sind fassungslos. Es gibt keine Worte dafür.
Da wir eine freundschaftliche, aber geschäftliche Beziehung zu ihr und ihrem Mann hatten, oder besser gesagt, meine Eltern, mein Papa, haben wir nichts gemerkt, als sie dieses Mal alleine in die Räume fuhr, den Rolladen nicht hochzog, und ihrem Leben ein Ende setze.

Diese verfickte Scheisse. Dieses sinnlose Elend. In Mitten von ringsrum blühendem Leben. Was geben wir da unseren Kindern mit? Was gebe ich meinem Kind mit?

Den Sinn, den ich irgendwie versuche zu finden. Kramphaft, zaghaft, hinter Milchglas,
unter Morast, ich finde ihn einfach nicht!

Ich denke so sehr an SIE und ihren Mann. Wunderbare Mieter. Beliebt bei ihren Kunden.
Warum sie? Warum? Jeder wusste, sah, dass sie ein feiner Mensch ist.
Die etwaigen Beweggründe können wir bisher nur erahnen. Weitere Details möchte ich hier nicht schreiben.

Nur, dass ich fassungslos und ersarrt bin. Unendlich traurig. Sehe ich doch noch das Gesicht vor wenigen Tagen vor mir. „Hallo“. Ein Lächeln und Zunicken.

 

Gefangen im Momentum I

Im April war der Geburtstag meiner Mama. In den folgenden Monaten die Geburtstage von uns restlicher Familie. Denen, die übrig geblieben sind. Immer wieder sehr traurige Momente. Nicht nur Dein Tod beschäftigt uns. Beschäftigt mich. Grosses Vermissen, Sehnsucht nach Mama. Dazwischen auch Tage der kurzen Unbeschwertheit. Doch Leid jagt das andere. Inzwischen ist auch ein Schwager von Dir gestorben.
Ein Onkel von mir. Viel zu früh.

Er schrieb in den 60ern an seinen Bruder (meinen Papa) einen Brief, als er im sehr entfernten Ausland war: „Bruder, komm bald wieder! Uns (anderen und der Mama) geht es gut. Da wir nichts von Dir hören, denken wir, dass es Dir auch gut geht. C (meine Mama) wird übrigens immer hübscher! Komm bald zurück!“ H.

Worte die so lässig sind und mich immer wieder so tief bewegen. Ja, meine Mama hat Briefe gesammelt und ich werde sie Stück für Stück lesen, wenn ich bereit dafür bin.

Wir, jeder für sich, hangelt sich Stück für Stück weiter. Auf Regen folgt Sonnenschein, nur wann?

 

 

Ohne Geburtstagskind

ohneGeburtstagskind

Das erste Mal, das wir Deinen Geburtstag ohne Dich verbracht haben. Der Tag selbst war wieder Erwarten ruhig und ganz in Ordnung. Wir waren abends Essen und am Tag war ich an Deinem Grab, habe einen Blumenstrauß in Deinen Lieblingsfarben angebracht.

Meine Tochter und ich haben ein sehr schönes Ritual ausgedacht, voller Lebendigkeit, Hoffnung und Gedanken an Dich. Das Wetter war leider regnerisch. Zwei sehr enge Freunde haben bei Dir angerufen, um Dir zu gratulieren. Mein Papa musste ihnen leider sagen, dass Du verstorben bist. Das waren auch die zwei Freundinnen, deren Telefonnummern/Adressen wir nicht herausgefunden hatten, für die Trauerfeier, da die Daten veraltet waren, die wir gefunden hatten.

Eine andere Freundin von Dir hat mir eien Mail geschrieben in Gedenken an Dich. Das war sehr schön.

Die Tage vor Deinem Geburtstag waren dageben ein Auf und Ab an Gefühlen.

3 Monate ohne meine Mama.

„Natürlich erlebt sie ihren Geburtstag! Das ist ja wohl ganz klar. Ein halbes Jahr nach Diagnose. Durch die Tace wird es ihr wieder etwas besser gehen und wir haben noch etwas Zeit. Sie wird sich im Frühling an ihrer Blumenwiese erfreuen, am Vogelgezwitscher und allem, was sie früher mit großer Energie in ihrem Garten angelegt hat. Wir haben einfach noch Zeit!“

Das war für uns damals wirklich kein Punkt, darüber nachzudenken, dass wir nur noch 4 Monate mit meiner Mama haben werden. Der Geburtsag fand ohne Geburtsagskind statt. Nicht, dass die Geburtstage der letzten 2-3 Jahre wahre Freudenfeste waren.

Meine Erinnerung befasst sich allerdings vielmehr mit den Geburtstagen und Zeiten, in denen alles noch gut war. Naja, zumindest hatten wir Hoffnung und es gab auch Zeiten, in denen das wirklich so war.

Ich entdecke meine Mama neu. Vieles durch Erzählungen von Freunden und Bekannten, die meine Mama schon aus ihrer Jugendzeit kannten. Manches war bei mir verschüttet und tritt plötzlich wieder in Erinnerung. Bei so vielen Erinnerungen kommt aus mir ein lautes „ja so ist sie“! hervor. Traurigkeit und Freude mischen sich. Dankbarkeit und Liebe. Blick auf das Gute, was sie war.

Meine Mutter als ganz besondere Person, mit ihrer Geschichte, mit ihren (vielen) Talenten. Und das kann ich ganz abgetrennt davon tun, wie die Beziehung zu mir war. Denn die war oft (zurecht) sehr strapaziert, bis vor ca. 6 Monaten.

Doch dieses Licht, in dem ich meine Mutter als Person jetzt sehe, ist einfach ein anderes. Ein schönes. Ein wunderbares. Trotz allem. Und das ist auch heilsam.

 

From Dezember to March

eternity

Hier bin ich wieder. Lebendig. Draußen liegt Schnee und heute fühle ich mich versetzt in eine Zeit vor fast 4 Monaten. Da lag auch Schnee und es war der Anfang vom Ende.

Jedes Mal wenn ich an den Blog gedacht habe und wie ich nun weiterschreibe, hat sich mein Magen verkrampft. Ich konnte nicht schreiben und doch möchte ich es weiterhin als Ventil nutzen, zu verarbeiten, was war und was sein wird.

Das wird mir mal mehr und sicher oft auch gar nicht so gut gelingen, denn meine Mama ist mittlerweile seit fast 10 Wochen tot. Gestorben an Leberversagen. Leberkoma. Ziel: Paradies.

Mitte Januar 2018 …

Ich bin Tochter ohne Mutter
Mein Papa ist Mann ohne Frau (Witwer)
Meine Tochter ist Enkelkind ohne Oma
Mein Mann ist Schwiegersohn ohne Schwiegermutter.
Wir sind jetzt alleine und DU bist nicht mehr hier.

Die Trauerwelle schwappt manchmal direkt über mich drüber. Dann strauchle ich, ein Studel zieht mich hinab und dann tauche ich irgendwann wieder auf. Manchmal schwimme ich mit ihr und manchmal surfe ich auf ihr. Und das im Wechsel mit unterschiedlichen Intensitäten.